
칸(Kan) bezeichnet in der koreanischen Architektur die kleinste Raumeinheit und steht für mehr als Raum.
Es ist das Maß, der Takt und die Idee von Ausgangspunkt der Architektur bzw. meines Entwurfs. Inspiriert von der kleinsten Einheit gestalten wir Räume, die zwischen Funktion und Lebensstile balancieren.
Dabei steht Kan jedoch nicht lediglich für ein Maß zwischen zwei Stützen oder für einen physisch abgegrenzten Raum. Vielmehr bildet es einen grundlegenden Maßstab der koreanischen Architektur, nach dem Größe, Proportion und Ordnung eines Raumes auf den menschlichen Körper, seine Bewegungen und seine Lebensweise abgestimmt werden.
Während sich die europäische Architektur mit dem Jugendstil und dem Übergang zur Moderne zunehmend von repräsentativen und ornamentalen Raumvorstellungen hin zu einer stärker am Menschen und seinem alltäglichen Erleben orientierten Architektur entwickelte, lässt sich der Ursprung des Human Scale in der koreanischen Architektur bereits seit Langem in der räumlichen Einheit des Kan erkennen.
Kan ist ein Maßstab, der Räume ausgehend vom menschlichen Leben gliedert und miteinander verbindet. Zugleich bildet es den Ausgangspunkt für Rhythmus und Ordnung in der Architektur. Damit ist Kan weit mehr als nur eine räumliche Einheit.
Es ist eine grundlegende architektonische Denkweise, die danach fragt, wie Menschen Räume nutzen, wahrnehmen und in ihnen leben.
So wie sich ein Haus aus vielen einzelnen Kan zusammensetzt, besteht auch eine Familie aus Menschen mit unterschiedlichen Persönlichkeiten, Eigenschaften, Aufgaben und Lebensweisen. Wie verschiedene Menschen gemeinsam eine Familie bilden, fügen sich Räume mit unterschiedlichen Funktionen und Charakteren zu einer zusammenhängenden Architektur.
In diesen Beziehungen erkennen wir das Wesen von Architektur.
Ein weiteres zentrales Prinzip der Architektur von KAN ist der Dialog zwischen Innen und Außen. Architektur verstehen wir nicht lediglich als geschlossenen Schutzraum, der den Menschen vor äußeren Gefahren bewahrt. Vielmehr ist sie ein vermittelndes Element, das Innen und Außen miteinander verbindet und eine Beziehung zwischen Mensch und Natur herstellt.
Hof, Daecheong, Dachüberstand, Türen, Fenster und Maru trennen Innen- und Außenraum nicht scharf voneinander, sondern lassen beide Bereiche ineinander übergehen. Werden die Türen geöffnet, erweitert sich der Innenraum in den Hof. Der Hof wiederum führt Himmel, Wind, Licht und die wechselnden Jahreszeiten in das Innere des Hauses. Die Grenze ist in der koreanischen Architektur daher keine Linie der Abschottung, sondern ein Raum der Begegnung, des Austauschs und der Beziehung.
Dieser Dialog beschränkt sich nicht auf die Verbindung zwischen Innen und Außen. Er setzt sich fort im Zusammenspiel zwischen Raum und Raum, zwischen Mensch und Mensch, zwischen Raum und Mensch sowie zwischen Natur und gebautem Raum. Letztlich führt er zu einer unmittelbaren Beziehung zwischen Mensch und Natur.
Architektur bedeutet für uns deshalb mehr als die Gestaltung von Form und Funktion. Sie schafft Beziehungen zwischen Mensch und Raum, zwischen Innen und Außen sowie zwischen Architektur und Natur und lässt diese Beziehungen immer wieder neu entstehen.
Ein Raum für den Einzelnen soll dessen persönliche Lebensweise aufnehmen und widerspiegeln. Zugleich sollen sich alle Räume zu einer architektonischen Einheit mit einer gemeinsamen Ordnung und Schönheit verbinden. Denn wir sind davon überzeugt, dass die sorgfältige Gestaltung selbst des kleinsten Raumes über die Qualität des gesamten Hauses entscheidet.
Für uns ist KAN die kleinste räumliche Einheit und zugleich der kleinste Ausgangspunkt, um den Menschen zu verstehen. Es ist unsere Entwurfshaltung, Funktion und Lebensweise, Individuum und Familie, Teil und Ganzes, Innen und Außen sowie Mensch und Natur miteinander in Beziehung zu setzen und daraus eine harmonische und ganzheitliche Architektur entstehen zu lassen.